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Alles auf Anfang
Lutz Flörkes "Nebelmeer #7" ist ein skurriles Roadmovie / Von Ingeborg Salomon
In der Jugend sagt man so einiges, was mit zunehmendem Alter nicht unbedingt Bestand hat. "Wir wollen den Misserfolg" war die Losung von Hauptperson
und Erzähler HP und seinem Freund Maximilian. Letzterer wird diesem Statement zum Trotz später ein erfolgreicher Unternehmer, während HP nach
dem Studium in der Hamburger Kunsthalle als Museumswärter arbeitet. Dort hängt auch Caspar David Friedrichs Ölgemälde "Wanderer über dem Nebelmeer"
und genau vor diesem Bild stolpert Dorothée über HP . seine erste große Liebe aus der heimatlichen Provinz. Was den etwas seltsamen Titel von Lutz
Flörkes Roman "Nebelmeer #7" zumindest ansatzweise erklärt.
Damit setzt die Geschichte ein und die Geschehnisse nehmen ihren ziemlich skurrilen Lauf: Maximilian ist verschwunden, und HP soll ihn suchen.
Dabei macht er die befremdliche Entdeckung, dass sein Freund ein Buch schreibt, die Hauptperson ist aber er selbst, eben HP. Maximilian klaut
ihm also sein Leben - und das geht natürlich überhaupt nicht. Denn HP will endlich die Hauptperson in seinem eigenen Leben sein.
Wer von Flörke bereits "Das Ilona-Projekt" gelesen hat, weiß, was der Autor damit meint. Denn auch Flörkes Erstlingsroman ist wie "Nebelmeer #7" eine Liebes-,
Abenteuer- und Reisegeschichte mit dem Ziel der Selbstfindung. Was ein großes Wort ist für die Verwirrungen und Verwicklungen in die sich HP auf 260 Seiten begibt.
Er sucht die Orte seiner Kindheit und Jugend auf, jede Episode birgt in sich immer weitere Episoden, so dass der Leser mitunter Gefahr läuft, sich in Erinnerungen,
Rückblenden und verschiedenen Zeitebenen zu verheddern.
Lutz Flörke spielt virtuos mit Sprache und da kennt er sich bestens aus: Der promovierte Literaturwissenschaftler lebt als Autor, Performer und Dozent in Hamburg
und erhielt bereits Literaturpreise des Landes Niedersachsen und der Stadt Hamburg. Dass sein neues Werk im Anhang sechs Seiten adaptierte Zitate unterschiedlichster
Quellen enthält, spricht für sich.
In "Nebelmeer #7" mischt Flörke Zitate, Philosophisches, Erzähltheorien und Beziehungen zu einem quirligen Mix, in dem auch die Liebe nicht zu kurz kommt. Denn
bei dem Versuch, seine eigene Geschichte zu schreiben, kreuzen nicht nur diverse Verflossene HPs Bahn, sondern auch die unbekümmerte Marnie, die erklärt: "Der
Umweg ist das Ziel, Baby!"
Diesen Umwegen folgt der Leser oft staunend, manchmal verwirrt, aber immer vergnügt. Eine heitere Sommerlektüre auch für graue Herbsttage.
Ingeborg Salomon / Rhein-Neckar-Zeitung
14.08.2021
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Nebelmeer #7 - Lutz Flörke
Circlestones Literatur Blog, 21. Juli 2021
"Weshalb soll ich Bücher lesen, über die ich mit meinen Freunden nicht reden kann?, fragt mich die Blumenhändlerin. Suchen Sie sich andere Freunde!,
sage ich zu ihr." (Zitat Seite 217)
Inhalt
HP hat studiert, doch anders als sein Freund Maximilian hält er an dem Beschluss ihrer Jugend fest, sich nicht dem Erfolgszwang zu unterwerfen.
Heute ist HP Museumswärter in der Hamburger Kunsthalle, während Maximilian ein erfolgreicher Unternehmer ist. Nun ist Maximilian verschwunden und
HP soll ihn suchen. Er findet heraus, dass sein Freund an einem Bildungsroman schreibt. Durch einen Zufall entdeckt HP das Skript, beginnt zu lesen
und stutzt. Diese Geschichten kennt er genau, denn es sind seine eigenen Erlebnisse. Maximilian hat nur die Namen geändert und will sie offensichtlich
als seine Biografie veröffentlichen. HP will seine Lebensgeschichte zurück und er folgt weiter Maximilians Spuren, die ihn zurück in seine Jugend
und Erinnerungen führen.
Thema und Genre
In diesem Roman geht es um Jugenderinnerungen, die Frage nach dem Platz im eigenen Leben, Philosophie, aber auch um Literatur, Erzähltheorien,
Bücher, Beziehungen und natürlich ist auch die Liebe ein Thema. Nicht ohne Grund gab Caspar David Friedrichs "Der Wanderer über dem Nebelmeer"
diesem Roman den Namen.
Charaktere
HP will endlich die Hauptperson in seinem eigenen Leben sein, seine eigene Geschichte schreiben. Unterstützung findet er bei der unbekümmerten
Marnie, die er am Beginn seiner Reise kennenlernt.
Handlung und Schreibstil
"Ich fliehe vor einer Karriere in die Kunsthalle. Ich fliehe aus der Kunsthalle in ein Roadmovie, vom Roadmovie zurück in die Kunsthalle,
von dort in die Ottenser Hauptstraße, aus der ins Theater." (Zitat Seite 223)
HP ist Hauptperson und gleichzeitig Ich-Erzähler in diesem Roman, der in der Gegenwart spielt. HP besucht die Orte seiner Kindheit und Jugend,
seine Reise wird chronologisch geschildert, ergänzt durch Rückblenden und Erinnerungen. Zitate und Textauszüge über das Schreiben, Erzählformen,
Textanalyse, gesellschaftskritische und philosophische Überlegungen ziehen facettenreich immer wieder durch die Gedanken von HP. Ein Roman wie
eine Wundertüte, jede Geschichte birgt in sich eine weitere Geschichte, die Ebenen verschieben sich, werden neu zusammengefügt. HP liebt Anfänge
und probiert sie alle aus. Der Autor spielt vergnügt mit der Sprache, mit Möglichkeiten, Varianten und unterschiedlichen Erzählformen. Wir Lesende
folgen ihm gespannt, staunend und manchmal verwirrt, dann wieder mit lautem Lachen.
Fazit
Dieser Roman ist eine Mischung aus Roadmovie und wilder Achterbahnfahrt, skurril, witzig und voll von überraschenden Wendungen, interessant und vielseitig.
Hier zeigt es sich wieder, dass es sich lohnt, sich in den Programmen der kleinen, unabhängigen Verlage umzusehen und aus dieser bunten Vielfalt den
persönlichen Lesestoff zu erweitern.
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Lutz Flörke: Nebelmeer #7
Anja Dolatta in "Stadtkind - hannovermagazin", Februar 2022
Ein kurzweiliger, schillernder Text, der mal verwirrt, mal erstaunt - und immer wieder herzhaftes Lachen auslöst!
Manche Menschen haben das Gefühl, nur eine Nebenfigur in ihrem Leben zu sein. Doch was sie selbst für nichtig halten, ist in den Augen eines
anderen mitunter viel wert, womöglich gar einen geistigen Diebstahl. Biographienraub - genau das passiert HP, dem Protagonisten und Erzähler
in Lutz Flörkes Roman "Nebelmeer #7", der Juli letzten Jahres bei duotincta erschienen ist. In dieser vor intertextuellen Anspielungen strotzenden
Textcollage nimmt der in Hamburg ansässige Literaturdozent auch seinen eigenen Berufsstand aufs Korn - unter anderem, denn er schüttet auf seine
Leser*innen ein Füllhorn an schrulligen Einfällen aus.
"Wir wehren uns gegen alle selbstgestellten ebenso wie medial propagierten Forderungen nach einem frohgemuten Sich-Einlassen auf den Abbau eigener
Glücks- und Reflexionsmöglichkeiten. [...] Wir wollen nicht dem Erfolg hinterherhetzen wie ihr! Kein Burnout, keine Frühvergreisung des
Geistes, keine Gesellschaft mit beschränktem Horizont!" Mit diesen Worten beginnt das Manifest, das HP zusammen mit seinem Kumpel Maximilian bei
ihrer Abiturfeier vorgetragen hat. Damals waren sich die beiden sicher, was sie für ihre Zukunft wollen: den Misserfolg. Und an diese Losung hat sich
zumindest HP immer gehalten. So hat er zwar studiert und eine Weile den Eindruck erweckt, als belesener Denker eine glänzende Karriere vor sich zu
haben, doch dieses Schicksal hat er (nach seinen Maßstäben: erfolgreich) abgewendet. Nun arbeitet er als Aufseher in der Hamburger Kunsthalle, in
die er sich "aus Gründen der Melancholie" zurückgezogen hat und nun Caspar David Friedrichs weltberühmtes Gemälde "Wanderer über dem Nebelmeer"
von 1817 bewacht - für viele das Sinnbild der Romantik schlechthin,und für Lutz Flörke eine wichtige Inspiration, von der er sogar den Titel
für seinen Roman entliehen hat.
Doch zurück zu HP: Während er in der Kunsthalle dem ideellen Misserfolg frönt, hat Maximilian sein ganz weltliches Glück gemacht, gut geerbt,
klug investiert, mehrere lukrative Art-Hotels eröffnet und ist in einer festen Beziehung mit Dorothée gelandet, einer ehemaligen Kommilitonin
von HP. Vor einigen Jahren, als sie kurz davorstand, nach Göttingen zu ziehen, um eine bürgerliche Existenz als Universitätsdozentin anzutreten,
hatte sie mit HP eine Nacht verbracht, um sich mit ihm, einem Meister des "eiferlosen Vor-sich-hin-Lebens", ein letztes Mal den großen, revolutionären
Ideen ihres Studiums hinzugeben. Nun braucht Dorothée noch einmal seine Hilfe: Maximilian hat ihr ein kryptisches Abschiedsvideo geschickt, in dem
er das Manifest ihrer Jugend zitiert. HP soll ihn finden - und in Manier eines Privatdetektivs ermitteln, was Maximilian plant.
Widerwillig verlässt der überzeugte Melancholiker die Kunsthalle und geht zu Maximilians Wohnung in der "Endetage" eines noblen Wohnhauses. Dort
begutachtet er den protzigen Mainstream-Reichtum, der sich in teuren Kunstgegenständen und Weinen äußert, und findet schließlich einen versteckten
USB-Stick. Rotwein trinkend schmökert er in einem Textdokument, das angeblich die Memoiren seines Freundes enthält. Doch je weiter er liest, desto
mehr Details kommen ihm bekannt vor - und schließlich fällt es HP wie Schuppen von den Augen: Das ist seine Lebensgeschichte, die Maximilian da
als seine eigene ausgibt! Ein skandalöser Diebstahl, den sein (ehemaliger) Kumpel sogar an einer Stelle rechtfertigt: "Es gibt so viele Menschen,
die es niemals schaffen, zur Hauptperson ihres Lebens zu werden. Weshalb soll ich nicht deren Biographie literarisch nutzen?" Das kann HP nicht
auf sich sitzen lassen; sofort macht er sich auf die Suche nach Maximilian. Es beginnt eine Irrfahrt, die ihn an Orte seiner Jugend und zu
längst vergessen geglaubten Erinnerungen führt ...
Lutz Flörke studierte deutsche Literaturwissenschaft und promovierte zum Dr. phil. Seitdem arbeitet er als Autor, Performer und Dozent überall
dort, wo er mit seinen Vorstellungen von Literatur Geld verdienen kann. Er lebt in Hamburg und erhielt Förderpreise des Landes Niedersachsen und der
Stadt Hamburg. In "Nebelmeer #7" hat er ein Thema aufgegriffen, von dem schon sein Debütroman handelt. Denn auch in "Das Ilona-Projekt" (2018)
geht es um einen Mann, der sich zum Protagonisten der eigenen Geschichte machen will und aus diesem Grund vorgezeichnete Wege verlässt. Im
Gegensatz dazu darf HP entdecken, wie lesenswert sein bisheriges Leben bereits ist - und er erlebt nebenbei einen verrückten Roadtrip voller
überraschender Wendungen. Nahtlos eingeflochten in die Story sind Zitate und Diskurse über das Schreiben, Text- und Erzählformanalysen sowie
philosophische Überlegungen zur Gesellschaft, Kunst und Lebensentwürfen. Das Ergebnis ist ein erstaunlich kurzweiliger, schillernder Text,
der mal verwirrt, mal erstaunt - und auch immer wieder herzhaftes Lachen auslöst!
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